Predigt von Heinz Josef Algermissen (Bischof von Fulda) am 15. April

- Bischof Heinz Josef Algermissen predigt
Biblischer Bezugstext: Joh 20, 19-31
Die aus großer Furcht hinter verschlossenen Türen versammelten Jünger im Evangelium sprechen uns unmittelbar an. Angst verwandelt das Zimmer auch unseres Lebens oft genug in eine Klausur gespenstischer Einsamkeit. Denn wer von seiner Angst nicht loskommt, wird letztlich sein eigener Gefangener.
In dieser bedrängenden Lebenssituation erweist es sich als heilsam und rettend, wenn jemand in das Gefängnis der Angst einbricht und die Einsamkeit mit seiner Gegenwart aufbricht. So tut es der auferstandene Christus am ersten Tag der Woche mit seinen Jüngern. An seinen Wunden gibt er sich ihnen zu erkennen und offenbart, dass er als der Auferstandene mit dem Gekreuzigten identisch ist. Dieses Geschenk des Himmels vermag Angst in Freude zu verwandeln, wie es im Evangelium ausdrücklich heißt: „Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen“ (Joh 20, 20).
Dabei gilt es zu beachten, dass Jesus mit seinem österlichen Gruß „Friede sei mit euch!“ nicht einfach je zu den Einzelnen kommt, sondern in die Gemeinschaft der Jünger eintritt, die den Kern der Kirche bilden.
Die Jünger sind das eindeutige Zeichen dafür, dass es zwischen Christus und der Kirche keinen Widerspruch geben kann ─ trotz der vielen Sünden der Menschen, die die Kirche bilden. Wir können deshalb Ostern nicht nur als Fest feiern, das dem einzelnen Menschen Frieden schenkt und ewiges Leben verheißt. Das sicher auch. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass die Auferstehung Jesu Christi eng mit der österlichen Sammlung des Gottesvolkes verbunden ist.
Von den Folgen der Auferstehung in der Kirche gibt die Lesung aus der Apostelgeschichte (4, 32-35) ein schönes Zeugnis. Die erste Folge der Auferstehung ist die Kirche selbst, von der es heißt: „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam“ (Apg 4, 32). Das ist zweifellos ein sehr hoher Anspruch. Doch er ergibt sich von selbst aus der Zusage, dass die Kirche der erste Ort ist, an dem die Liebe Gottes zu den Getauften und deshalb die Liebe unter den Getauften wirksam werden soll.
Solche Anteilnahme am Schicksal der anderen ist für den Getauften Wahrnehmung und Weitergabe der Anteilnahme Jesu Christi am Schicksal der Menschen.
„Ein Christ ist kein Christ“, hat der Kirchenlehrer Tertullian deshalb mit Recht gesagt. Denn Christen können nicht Einzelkämpfer sein, die sich gleichsam erst nachträglich zur Gemeinschaft der Kirche zusammenfinden. Sie sind vielmehr berufen, lebendige Glieder der Kirche zu sein und durch wechselseitige Annahme und Unterstützung, durch das gemeinsame Zeugnis des Glaubens und die gemeinsame Feier der Eucharistie dem Aufbau der Kirche zu dienen. Sie sollen als „wanderndes Gottesvolk“ Christus entgegengehen, wie wir es in diesen Wochen in Trier als Pilgerinnen und Pilger zum Leibrock Jesu erleben können. Er ist ein vorzügliches Symbol der Einheit der Kirche als Leib Christi. In unserer derzeitigen kirchlichen Situation ist das Trierer Pilgergebet und Leitwort „Und führe zusammen, was getrennt ist“ geradezu eine flehentliche Bitte um Gottes Erbarmen und Hilfe. Ich bete dafür, dass von hier aus ein geistlicher Impuls in alle deutschen Bistümer geht.
Gerade in der heutigen Situation der Kirche, die in unseren Breitengraden weithin Missionsland geworden ist, erfordert das Christsein immer den Mut zum Zeugnis des Glaubens. In dieser Welt, die auf Erfahrbarkeit, Sichtbarkeit und Sinnenhaftigkeit aus ist, muss die Kirche dem säkularisierten Menschen auch eine säkulare Antwort geben. Und diese liegt schlicht im Zeugnis. Mit Recht hat Papst Paul VI. immer wieder betont, der heutige Mensch suche und brauche keine Lehrer, sondern Zeugen, und Lehrer nur insofern, als sie auch als Zeugen wahrgenommen werden können. Wie das sein kann? Ich möchte Ihnen einen Anstoß geben:
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Am Ende des Neuen Testamentes steht die Vision der neuen Schöpfung und der neuen Stadt, die Gott bauen wird. Das ist keine fromme Utopie, das hat Konsequenzen! Unsere Dörfer und Städte sind weiß Gott noch nicht die neue Stadt, aber sie sollen durch Menschen, die an das österliche Leben glauben, neu werden.
Man kann nicht an das alles verändernde Leben der Auferstehung glauben, ohne sich um die Verbesserung der irdischen Lebensbedingungen in unserer kleinen und in der weiten Welt zu mühen.
Im Klartext: Wer die Auferstehung Jesu Christi vom Tode bekennt, darf nicht zur Tötung ungeborener Kinder schweigen, muss eindeutig Stellung beziehen angesichts der biopolitischen Entscheidungen, die die Würde des Menschen in Frage stellen.
Der Glaube an die Erlösung durch Kreuz und Auferstehung führt von selbst in den Aufstand gegen alle Formen des gesellschaftlich wie wirtschaftlich oder militärisch organisierten Todes. Christen sind zwar keine Friedenstörer, aber sie müssen sich massiv als Störenfriede dort betätigen, wo immer die Mächte des Todes am Werk sind ─ sei das im privaten, im gesellschaftlichen wie politischen Bereich.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Mitpilgerinnen und Mitpilger! Zwischen dem Ein-bruch des Auferstandenen in die angstbesetzte Einsamkeit der Jünger und dem Auf-bruch zur Sendung steht der Durch-bruch der Einsicht in die reale Situation der Wunden, die uns je persönlich und die Kirche insgesamt schmerzen.
Der Apostel Thomas wusste um die bedrohliche, tötende Macht der Wunden. Und da hört er von den anderen Aposteln, dass ein tödlich Verwundeter lebt. Wenn das wirklich stimmt, ist das auch Verheißung angesichts seiner eigenen Wunden und der einer blutenden Welt. Und so sehe ich Thomas nach Jesu Wunden tasten. Sie waren noch da, er kann sie berühren. Und das war der Durchbruch. Das gab ihm das tiefe Vertrauen, dass der Gekreuzigte und Auferstandene stärker ist als alle Macht der Wunden und neues Leben verheißt, österliches Licht – trotz allem.
So kann Thomas zum schönsten Glaubensbekenntnis im ganzen Neuen Testament finden: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20, 28).
Und wir können als erlöste Menschen darin wahre Freude finden, die ihren Grund in Ostern hat. Amen


