Und führe zusammen, was getrennt ist

Führe zusammen: Die zerrissene Christenheit und die Gesellschaft voller Gegensätze

Predigt von Dom Jacinto Bergmann, Erzbischof von Pelotas, Rio Grande do Sul, Brasilien

Ich danke Gott dass ich aus dem entfernten Land Brasilien nach Trier kommen konnte. Ich danke Gott dass ich an der Heiligen Rock Wallfahrt 2012 teilnehmen kann. Ich danke Gott, dass ich mit allen Pilgern am Heiligen Rock beten kann: “Und führe zusammen, was getrennt ist”: die zerrissene Christenheit und die Gesellschaft voller Gegensätze. Ich danke Gott, dass ich nun mit Euch allen diese Eucharistie feiern kann, hier in der wunderschönen Liebfrauen-Basilika.

In Brasilien, vor und besonders nach der Publikation des nachsynodalen Apostolischen Schreibens über das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche „VERBUM DOMINI“ von Papst Benedikt, arbeiten wir intensiv mit Bibel-Gruppen. In der Bibel-Gruppe versuchen wir, einen „betenden“ Zugang zum heiligen Text - in portugiesisch die “Leitura Orante da Bílbia”, in deutsch das “Betende Lesen der Heiligen Schrift”. Es gibt verschiedene Methoden für die Leitura Orante da Bíblia, für das Betende Lesen der Heiligen Schrift. Die größte Aufmerksamkeit ist der lectio divina gewidmet, die wirklich “dem Gläubigen den Schatz des Wortes Gottes erschließen, ihn aber auch zur
Begegnung mit Christus, dem lebendigen göttlichen Wort, führen kann (Schlussbotschaft der Synode 2010, III, 9).

"lectio divina" als Methode

Papst Benedikt erklärt in dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben “Verbum Domini” diese Methode, lectio divina, und ihre vier Schritte. So der Papst: “Ich möchte hier kurz ihre grundlegenden Schritte in Erinnerung rufen: Die lectio divina beginnt mit der Lesung (lectio) des Textes, die die Frage nach einer authentischen Erkenntnis seines Inhalts auslöst: ‘Was sagt der biblische Text in sich?’ Ohne diesen Augenblick besteht die Gefahr, dass wir den Text nur zum Vorwand nehmen, um niemals aus unseren eigenen Gedanken herauszukommen. Dann folgt die Betrachtung (meditatio), in der sich die Frage stellt: ‘Was sagt uns der biblische Text?’ Hier muss sich jeder persönlich, aber auch als Gemeinschaft berühren und in Frage stellen, denn es geht nicht darum, über Worte nachzudenken, die in der Vergangenheit gesprochen wurden, sondern über Worte, die in der Gegenwart gesprochen werden.

Danach gelangt man zum Augenblick des Gebets (oratio), das die Frage voraussetzt: ‘Was sagen wir dem Herrn als Antwort auf sein Wort?’ Das Gebet als Bitte, Fürbitte, Dank und Lobpreis ist die erste Art und Weise, in der das Wort uns verwandelt. Schließlich endet die lectio divina mit der Kontemplation (contemplatio), in der wir als Geschenk Gottes seine Sichtweise annehmen in der Beurteilung der Wirklichheit und uns fragen: ‘Welche Bekehrung des Geistes, des Herzens und des Lebens verlangt der Herr von uns?’ Außerdem ist es gut, daran zu erinnern, dass die lectio divina in ihrer Dynamik nicht abgeschlossen ist, solange sie nicht zur Tat (actio) gelangt, die das Leben des Gläubigen anspornt, sich in Liebe zum Geschenk für die anderen zu machen”  (Nachsynodales Apostolisches Schreiben Verbum Domini, Nr. 87).

Das heutige Evangelium - gelesen in "lectio divina"

Nehmen wir nun das Evangelium von heute. Versuchen wir einen betenden Zugang zum heiligen Text. Mit der Methode der lectio divina, folgen wir den vier Schritten:

 

  • Erster Schritt: Lesung (lectio) – ‘Was sagt der biblische Text in sich?’ Jesus spricht vom Weinstock:

V. 1 “Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer”.
V. 2 “Jeden Rebzweig an mir, der keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jeden Rebzweig, der Frucht bringt, reinigt er, damit er mehr Frucht bringen kann”.
V. 5 “Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun”.
V. 6 “Wer nicht in mir bleibt, wird weggeworfen wie der Rebzweig und verdorrt. Man sammelt die Rebzweige, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen”.
  Jesus spricht von uns als Teil des Weinstocks:
V. 3 “Ihr seid schon durch das Wort rein, das ich zu euch gesprochen habe”.
V. 4 “Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie der Rebzweig aus sich keine Fruct bringen kann, sondern nur, wenn er am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt”.
V. 7 “Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: ihr werdet es erhalten”.
V. 8 “Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet”.

 

  • Zweiter Schritt: Betrachtung (meditatio) – ‘Was sagt uns der biblische Text?’

. Was bedeutet es ein Rebzweig am Christus-Weinstock zu sein?
. Bin ich ein Rebzweig, der Frucht bringt?
. Bin ich ein Rebzweig, der keine Frucht bringt und abgeschnitten werden muss?
. Bin ich ein Rebzweig , der Frucht bringt und deshalb gereinigt werden muss, damit ich mehr Frucht bringen kann?
. Bin ich bereit, gereinigt zu werden?
. Bin ich gereinigt, weil ich das Wort Gottes höre und lebe?
. Bin ich bereit, mich beschneiden zu lassen? Geht dieses nicht gegen alle Strömungen dieser Welt: Nichts verlieren, weil ich nur gedrängt bin zu haben, zu beherrschen und zu können?
. Bleibe ich in Christus, so dass Er in mir bleibt?
. Bleibe ich als Rebzweig am Weinstock und bringe reiche Frucht, denn getrennt von ihm kann ich nichts tun? Sind wir nicht getrennt in unserer Welt, weil wir getrennt von Christus sind? Ja, “führe zusammen, was getrennt ist”!
. Bleibt Christus und seine Worte so fest in mir, damit ich alles was ich bitte auch erhalte?
. Kann der himmlische Vater verherrlicht werden, weil ich reiche Frucht bringe und ein wahrer Jünger Christi bin?

  • Dritter Schritt: Gebet (oratio) – ‘Was sagen wir dem Herr als Antwort auf sein Wort?’

Zunächst wollen wir loben:
Lob sei Gott, dass wir Christen Rebzweige Christi durch die Taufe sind;
Lob sei Gott, dass Christus der wahre Weinstock und wir seine Rebzweige sind;
Lob sei Gott, dass wir immer durch das Wort Gottes gereinigt werden;
Lob sei Gott, dass wir in Christus bleiben und reiche Frucht bringen.
Wir bitten auch:
Lieber Gott, wir bitten um die Gnade, immer starke Rebzweige des Weinstocks Christi zu sein. In Ihm bleiben ist nicht eine Sache des Gefühls und der Stimmung, sondern der lebendigen Tat: den Glauben leben, die Hoffnung finden und die Liebe erfahren.

  • Vierter Schritt: Kontemplation/Aktion (contemplatio/actio)

‘Welche Bekehrung des Geistes, des Herzens und des Lebens verlangt der Herr von uns?’
Sollen wir nicht gerade in unseren Tagen - geprägt von so vielen Wegen, aber nicht alle sind richtige Wege; von so vielen Wahrheiten, aber nicht alle sind richtige Wahrheiten; von so viel Leben, aber nicht alles ist vollkommenes Leben - uns wieder zu Christus, dem wahren Weinstock wenden und Ihn zu unserem Weg, zu unserer Wahrheit und zu unserem Leben machen?
Christus ist der einzige richtige Weg! Christus ist die einzige richtige Wahrheit! Christus ist das einzige volkommene Leben! In Ihm bringen wir reiche Frucht, und verherrlichen Gott Vater.

Es ist heute dringend Zeit, Jünger Christi zu sein, in seinem Wort zu bleiben, und somit reiche Frucht zu bringen! Dies ist unser Glück und Heil. Dies ist das Glück und das Heil der Welt! Das bekennen wir in der Tiefe unseres Herzens!

Dom Jacinto Bergmann,
Erzbischof von Pelotas, Rio Grande do Sul, Brasilien.