Und führe zusammen, was getrennt ist

Neue Herausforderungen für Kirche und Theologien 01.02.12

Koblenzer Soziologe fragt nach Religion des spätmodernen Menschen

Prof. Dr. Winfried Gebhardt sprach am zweiten Tag des Internationalen Ökumenischen Forums zum Thema "Wie hälst du?s mit der Religion?"

Prof. Dr. Winfried Gebhardt sprach am zweiten Tag des Internationalen Ökumenischen Forums zum Thema "Wie hälst du?s mit der Religion?"

Trier - Kirchen und Theologien müssen lernen, die Beziehungen und das Verhältnis zwischen kirchlichen Amtsträgern und Theologie einerseits und religiös interessierten und engagierten Laien andererseits nicht nur neu zu denken, sondern auch neu zu leben. Das hat der Koblenzer Soziologe Professor Dr. Winfried Gebhardt am 31. Januar in Trier gesagt. Gebhardt sprach am zweiten Tag des Internationalen Ökumenischen Forums zum Thema "Wie hältst du's mit der Religion?" 

Gebhardt leitet seine Schlussfolgerung aus einer Entwicklung ab, die er die "Selbstermächtigung des religiösen Subjekts" nennt. Der Soziologe erläuterte zunächst, dass die Frage, wie der spätmoderne Mensch es mit der Religion halte, meist auf zwei Arten beleuchtet werde. Die Säkularisierungshypothese gehe von einem ständigen wachsenden Rückgang der Religionen in allen modernen Gesellschaften aus, festzumachen etwa an dem Rückgang der Gottesdienstbesucher oder der Taufen. Die These von der Renaissance (Wiedergeburt) der Religionen hingegen setze Religion mit "Sinnfindung oder Sinnstiftung" gleich und bezeichne dann jede Form von Weltanschauung. Ein solch weites Verständnis lasse sich schwer quantifizieren und führe in Untersuchungen wie etwa der Bertelsmann-Studie zu einer Steigerung der Zahl der Religiösen. "Beide Diagnosen haben irgendwie recht und irgendwie unrecht", konstatierte Gebhardt. 
 
 Seine Diagnose von der Selbstermächtigung des religiösen Subjektes geht von einer wachsenden Subjektzentrierung (der Mensch im Mittelpunkt) des Religiösen aus. Diese sei etwa daran erkennbar, dass Menschen "immer weniger von ihrer Religion, und immer mehr von ihrer Spiritualität reden", weil Spiritualität etwas markiere, das allein im Inneren des eigenen Selbst sich ereigne. Diese "geistig-seelische Haltung" sei bestimmt durch "Autonomie, Souveränität und Eigenkompetenz" und habe einen ausgeprägten "anti-institutionellen Affekt". Diese Spiritualisierung richte sich häufig gegen eine als starr und lebensfremd empfundene "Universitäts-Theologie und Dogmatik" und vertrete "eine ich-zentrierte Spaß- und Freude-Religion". Individuelles Wohlbehagen stehe im Mittelpunkt, die "lebens- und lustfeindlichen Lehren und Praktiken der institutionalisierten Religionen" würden abgelehnt. Auch ein traditionales, vormodernes und anti-individualistisches Religionsmodell sei hier zu beobachten, das den Religionen vorwerfe, zu viele Zugeständnisse an den Zeitgeist zu machen. 
  
 Gebhardt stellte außerdem einen "anti-intellektuellen Zug" fest, gegen die Dominanz der Vernunft und des Wortes. "Gesucht wird hingegen nach "ganzheitlichen", "authentischen", "echten" Erfahrungen des Göttlichen - was in der Regel an der Orientierung an pantheistischen und naturreligiösen Vorstellungsmodellen oder zur geforderten Rückkehr zu den sogenannten Ursprungswahrheiten oder auch die Kombination von beidem führt." Wer die soziale Deutungshoheit über seine Spiritualität ausschließlich sich selbst zuspreche, stehe in Opposition zu den offiziellen Lehren und Praktiken der Kirchen und ihren Theologien. Diese Opposition bewege sich zwischen einer generellen Institutionenablehnung oder einer Institutionenkritik. Die Abgrenzungen erfolgten dabei meist in den Entgegensetzungen "eng - weit", "angstvoll - lustvoll", "tot - lebendig". 
   
 Als Folgen der religiösen Selbstermächtigung nannte Gebhardt zum einen das Aufkommen eines "trivialisierten Laienökumenismus". Insbesondere sei es der Anti-Intellektualismus, der "gepaart mit der Sehnsucht nach ganzheitlichen und deshalb authentischen spirituellen Erfahrungen, zu einer generellen Abwertung der konfessionell geführten und konfessionell definierten Rechtgläubigkeitsdiskurse führt und damit die theologisch befestigten konfessionellen Grenzen zwischen den christlichen Kirchen, aber auch darüber hinaus angreift und in letzter Konsequenz auch auflöst". Dieser trivialisierte Ökumenismus beschreibe auch den in der Religionssoziologie schon häufiger konstatierten Tatbestand der zunehmenden Entkonfessionalisierung des Christentums: "Gott wird zunehmend fast immer religionslos, zumindest aber konfessionslos gedacht", sagte Gebhardt. Als zweite Folge beschrieb Gebhardt die Schwächung oder Auflösung der kirchlichen Gemeindestrukturen. Neue Organisationsformen seien zu beobachten, die er "Szenen" nennt. Dies seien Gruppen von Menschen, die für eine gewisse Zeit ein Interesse teilten. Mit diesem "Trend der Verszenung" hänge auch der Trend zur Eventisierung der Religion zusammen. Gebhardt nannte Weltjugendtage oder Taizétreffen oder die evangelikal geprägten "Mega-Churches". "Einiges scheint dafür zu sprechen, dass der "religiöse Event" in seiner typischen Kombination von herkömmlichen religiösen Inhalten und Ritualen und popkulturell geprägten Unterhaltungsprogrammen als zeitgemäße Ausdrucksform religiöser Erfahrung und religiösen Erlebens weiter an Bedeutung gewinnen und damit die Kirchengemeinde als Zentrum gelebter Religion ersetzen wird." Aus diesen Beobachtungen folgerte der Soziologe die genannten Herausforderungen für Kirchen und ihre Religionen. "Und dabei müssen sie vorsichtig und wohlbedacht vorgehen. Lassen sie sich zu sehr mit dem Zeitgeist ein, droht ein relativierender Profilverlust, dann pilgern Protestanten zum "Heiligen Rock" und Katholiken feiern Martin Luther als den eigentlich idealen Papst. Betonen sie hingegen ihr Profil zu rigide, rennen ihnen die Leute davon." 
   
 Beim anschließenden Podiumsgespräch diskutierten Prof. Dr. Ulrike Link-Wieczorek, Günter B. Ginzel, Prof. Dr. Herbert Schnädelbach und Prof. Dr. Magnus Strieth, die Moderation hatte die Journalistin Marion Unger. Das ökumenische Forum dauert noch bis zum 3. Februar. Unter dem Leitwort der Wallfahrt "und führe zusammen, was getrennt ist" diskutieren die rund 200 Teilnehmer des Forums in Vorträgen, Podien und Workshops über die Herausforderungen diskutieren, vor denen die christlichen Kirchen heute gemeinsam mit den anderen Religionen stehen. Als Referenten werden unter anderem noch erwartet der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Alois Glück und Prof. Dr. Gerhard Robbers, Präsident des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Weitere Informationen gibt es unter   www.oekumenisches-forum-trier.de  , dort ist auch der gesamte Vortrag zu finden. Das Forum findet im zugehen auf die Heilig-Rock-Wallfahrt vom 13. April bis 13. Mai statt. Informationen dazu gibt es unter   www.heilig-rock-wallfahrt.de

 

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