Und führe zusammen, was getrennt ist

Nachfolge in Tradition und Wandel 02.02.12

Ökumene lebt entscheidend von der menschlichen Begegnung

Erzpriester Constantin Miron, Thies Gundlach, Prof. Gerhard Robbers, Moderatorin Annette Bassler, Pastorin Regina Claas, Prof. Andreas Euler und Alois Glück (vlnr) beim Podiumsgespräch.

Erzpriester Constantin Miron, Thies Gundlach, Prof. Gerhard Robbers, Moderatorin Annette Bassler, Pastorin Regina Claas, Prof. Andreas Euler und Alois Glück (vlnr) beim Podiumsgespräch.

Trier - Unter dem Tagesmotto "Nachfolge in Tradition und Wandel" haben Referenten und Teilnehmer beim Internationalen Ökumenischen Forum in Trier am 2. Februar persönliche Antworten auf die Frage gesucht, was Nachfolge Jesu und der Glaube in der heutigen Zeit bedeuten.

Für Prof. Dr. Gerhard Robbers, Richter des Verfassungsgerichtshofs Rheinland-Pfalz und Präsident des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentages 2013 in Hamburg, ist der Glaube "der Grundton im Leben". "Für mich ist der Glaube sinn- und Gemeinschaft stiftend. Ich fühle mich wohl in der einen Kirche, die unterschiedlich ist", sagte er. Mit Anekdoten aus seinem Leben machte Robbers, der in Wilhelmshaven aufgewachsen ist, deutlich, wie sich das Verhältnis zwischen den Konfessionen im Laufe der Zeit gewandelt habe von einem "verkrampften Umgang miteinander" hin zu einem "Selbstverständlich-Werden des Zusammenlebens". "Es geht nicht darum, eigene Identität zu verlieren, sondern zu sehen, welcher Reichtum in anderen ist und wie man daran teilhaben kann." Als Beispiel dafür nannte er die Heilig-Rock-Wallfahrt. Dass evangelische Christen sich beteiligen dürften und diese Möglichkeit bereitwillig ergriffen, erlebe er als bereichernd und entlastend. "Das erweitert unseren Horizont", sagte er. Die heute weit verbreitete Verzagtheit im Blick auf den Glauben und die Nachfolge Christi kann Robbers nicht gut nachvollziehen. "Mir ist nicht bang. Ich sehe so viele, die nach dem Glauben fragen und suchen." Die vielen Menschen, die nicht glaubten, böten immerhin die Chance, sie wieder für den Glauben zu gewinnen.

Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), skizzierte anhand von Stationen seines eigenen Lebensweges "christliche Nachfolge in der Spannung von Tradition und Wandel". Für ihn, der 1940 in eine "geschlossene, katholische Welt" hineingeboren wurde, war Kirche zunächst Volkskirche und die Glaubensvermittlung integrierter Teil des sozialen Alltagslebens. Der Glaube seiner Kinderzeit sei ein autoritätsorientierter Gehorsamsglaube gewesen. Zur Kirche habe eine ausgeprägte religiöse Angstpädagogik und ein Normensystem für das Zusammenleben mit den Schwerpunkten Sexualmoral und Gehorsam gehört. Glück zeigte sich überzeugt, "dass gerade diese Art der Verkündigung, der Erfahrung von Glaube und Kirche eine ganz wesentliche Ursache dafür ist, dass mit dem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel für viele auch die Beziehung zu Glaube und Kirche abgebrochen ist". Die vielschichtige und vielfältige Wirklichkeit von heute habe nicht nur mehr Freiheit, sondern damit verbunden auch große Herausforderungen gebracht. "Nach einer Phase des scheinbar unaufhaltsamen Fortschritts mit einem weithin dann orientierungslosen und naiven Fortschrittsglauben erleben wir jetzt eine Phase tiefer Verunsicherungen." In dieser Phase aber würden Menschen neu offen für Fragen des Glaubens und des Sinns. Glück konstatiert - ebenso wie Robbers - "dass wahrscheinlich noch nie so viele Menschen suchend unterwegs waren wie gegenwärtig" und er fragt: "Warum gelingt es uns nicht, die Botschaft der Liebe Gottes zu den Menschen zu bringen, die sie in ihrer seelischen Not oder Einsamkeit brauchen?" Die Kirche müsse sich allerdings offen zeigen für die Nöte der Menschen, sie müsse an ihrer Glaubwürdigkeit und am Aufbau von Vertrauen arbeiten und anerkennen, "dass es so viele Wege zu Gott gibt, wie es Menschen gibt", zitierte Glück den damaligen Kardinal Josef Ratzinger. "Der große Reichtum unserer Kirche, noch mehr der Christenheit als Ganzes ist die Vielfalt der Formen der Frömmigkeit, der Lebenswege, der Gotteserfahrung." Das sei im Hinblick auf die Ökumene wichtiger als alle Ängste um die eigene Identität. Entscheidend letztlich seien persönliche, menschliche Begegnungen und gemeinsame Anstrengungen, sich an Jesus Christus praktisch zu orientieren.

Im anschließenden Podiumsgespräch tauschten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer darüber aus, welche Reichtümer ihres Bekenntnisses sie gern in den ökumenischen Dialog einbringen möchten, wo sie Korrekturbedarf sehen, womit sie sich schwer tun - beim Blick auf die eigene Religion und mit Blick auf die anderen - und mit welchen Gefühlen sie den ökumenischen Weg in Zukunft betrachten. Mit dem griechisch-orthodoxen Erzpriester Constantin Miron, Walter Euler, Professor für Fundamentaltheologie und Ökumenische Theologie an der Trierer Theologischen Fakultät, Thies Gundlach, einem von drei theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD, Regina Claas, Generalsekretärin des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland sowie Robbers und Glück war das Podium bunt gemischt. Bei aller Unterschiedlichkeit in den Formen, mit denen die verschiedenen Bekenntnisse ihren Glauben leben - so legen etwa die Orthodoxen besonderen Wert auf ihren jahrtausendealten Ritus, die Evangelischen auf das Priestertum aller Gläubigen und den individuellen Suchweg jedes Einzelnen, die Katholiken auf die weltkirchliche Dimension und die Tradition und die Freikirchen auf die persönliche Beziehung zu Jesus Christus - stimmten die Teilnehmer darin überein, dass sich in der jüngeren Vergangenheit im Hinblick auf die Ökumene vieles zum Positiven verändert habe. Nicht zuletzt dank der Kirchen- und Katholikentage sowie der zwei Ökumenischen Kirchentage, die als Diskussions- und Begegnungsforen dienten, sei man auf dem Weg des Voneinander-Wissens und -Lernens, des Respekts und Suchens ein gutes Stück weitergekommen. Gleichzeitig warnten die Podiumsteilnehmer davor, dass sich auch die ökumenische Diskussion nicht ausschließlich um innerkirchliche Fragen drehen dürfe. "Was kann unser gemeinsames Engagement im Dienst für die Menschen sein? Was ist unser Ziel, welches wir gemeinsam angehen können? Was brauchen die Menschen?" Neben der Diskussion um Kirche, Eucharistie und Amt müsse vor allem dieser lebensdienliche Aspekt im ökumenischen Miteinander eine Rolle spielen.

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