"De Kiedel gucken" 12.05.12
Ein etwas anderer Blick auf die Wallfahrt

Immer bei der Arbeit: Paulinus-Reporter Michael Merten (rechts) im Gespräch mit Wallfahrtsleiter Monsignore Dr. Georg Bätzing.
Trier - In Zahlen lässt sich die Heilig-Rock-Wallfahrt bilanzieren oder als Resümee des Bischofs oder in der Statistik der Polizei. Immer kommt eine Erfolgsgeschichte heraus. Aber es gibt noch viel mehr zu erzählen. Die kleinen Geschichten vom Rande. Was hat zum Beispiel die Pressesprecherin erlebt, die muss doch den Überblick haben. Hat Judith Rupp neben vielen Fakten auch ein Anekdötchen parat? Klar: Eines verregneten Wallfahrtsabends kommt ihr vorm Dom ein älteres Ehepaar entgegen. Als die Frau sieht, dass es keine Warteschlange mehr am Eingang gibt, drückt sie ihrem Mann die Einkaufstüten in die Hand und sagt sehr entschlossen: "Helmut, eich giehn wei noch de Kiedel gucken, eich kommen dann loa hinnen wieder raus!" Zurück bleibt der Gatte schwer bepackt - und Judith Rupp mit einem Lächeln. "Dass eine halbe Million Menschen seinetwegen hier her kommen wird", hatte sich die Pressesprecherin noch gedacht, als sie zu Beginn der Pilgertage das erste Mal vor dem Heiligen Rock stand, "das ist großartig."
Und sie kamen: "Von der Vietnam-Gemeinde Düsseldorf, die mit 250 Personen angemeldet waren - dann mit 500 kamen", sagt Johannes Tittel vom Teilnehmerservice, "über die Philippino Community bis hin zum Pokrov Reisebüro St. Petersburg." Die 31 Wallfahrtstage waren für Tittel nach der zweijährigen Planung "das Beste, was hatte passieren können". Jedes Lob einer Pilgergruppe habe ihn für das frühe Aufstehen und das Arbeiten bis tief in die Nacht mehr als entschädigt: "Die Pilger waren Balsam für die Seele." - Und sie prägten vier Wochen lang das Stadtbild von Trier.
Sich voller Respekt und Liebe begegnen
"Sprichst Du deutsch?", wurde Paulinus-Reporterin Inge Fusenig von einem kleinen Mädchen gefragt, weil dieses zuvor zwanzig ausländische Pilger vergeblich um eine Wegbeschreibung gebeten hatte. "Richtig klasse" fand die Triererin das, weil durch die vielen Gäste "eine ganz besondere Stimmung in der Stadt lag". Friedlich seien die Menschen gewesen. Und fröhlich und hilfsbereit. "Ich stand einmal in der Konstantin-Basilika und schrieb die Predigt mit, da kam eine ganz süße, etwa 80-jährige Helferin auf mich zu und bot mir ihren Platz an, damit ich besser schreiben kann." Ehrlich gefreut habe Inge Fusenig das, weil diese kleine Begebenheit so viel gezeigt hatte: Denn Heilig-Rock-Wallfahrt hieß, sich voller Respekt und Liebe zu begegnen.
"Auch als Berichterstatter warst du Teil der Wallfahrt", sagt Paulinus-Reporter Michael Merten. Vorm Dom habe er auf eine Gruppe warten müssen, die zwei Stunden in der Schlange vor sich hatte. "Ich hab dann gleich mit Ordnungsdienst gemacht, weil so viel zu tun war", sagt der Student, der mit einer Fahrradgruppe gepilgert, per Pedes durch den Regen gegangen und mit dem Schaff-Rock die Mosel hinunter gefahren war. Er hat über Bischöfe, Helfer, Pilger und Polizisten geschrieben. Von den Kollegen der Wallfahrtstageszeitung nur "Super Mitch" genannt, weil er in den 31 Pilgertagen wirklich über alles und noch viel mehr berichtet hat. Auf der Honorarliste steht hinter dem Namen Merten: "Milljuhnen Artikel". "Ich habe bei der Wallfahrt so viele tolle Menschen getroffen, die voller Begeisterung waren, da kann man nicht einfach Dienst nach Vorschrift machen", sagt Merten.
Sitzen zwei Punker auf dem Domfreihof
"Sitzen zwei Punker auf dem Domfreihof" - was wie ein Witz beginnt, ist eine Geschichte von Hans Werner Tonner, die symbolisch für die leidenschaftlichen Helfereinsätze steht. Eine Helferin sei auf die Punks zugegangen, um ihnen zu sagen, dass sie sehr beeindruckend aussähen. Die drei kamen ins Gespräch und irgendwann fragten die Jugendlichen, ob sie wohl auch da rein dürften, in den Dom. "Sie sind selbstverständlich willkommen", habe die Helferin geantwortet, "wichtig ist nicht das Aussehen, sondern dass man sich würdig benimmt."
Diese Helferin war es auch, die zum Paulinus-Chefredakteur Bruno Sonnen gesagt hatte: "Sie machen eine tolle Zeitung, danke dafür." Solche Rückmeldungen hätten natürlich "beflügelt", sagt Sonnen, der gleich eine Mail an alle Kollegen geschrieben hatte. Als politisch denkender Mensch sei er natürlich vom Schaff-Rock ganz begeistert, "eine tolle Aktion". Über das große soziale Engagement bei der Wallfahrt hinaus, nehme er aber für sich ganz persönlich vor allem eines mit: "Dass man an Herausforderungen wächst und mit einem guten Team fast alles möglich ist."
Wie viel bei der Wallfahrt möglich sein würde, hatte Wallfahrtsleiter Monsignore Dr. Georg Bätzing schon zu Beginn der Pilgertage festgestellt: "Da ist etwas vom Kopf ins Herz gerutscht." Im Vorfeld sei so viel bedacht und geplant worden, da habe für ihn "eine vernünftige Distanz" zum Anlass der Wallfahrt, zum Heiligen Rock, gehört. Dann habe er aber viele Stunden am Schrein und bei den Pilgerinnen und Pilgern gestanden: Selten in den letzten Jahren habe er "so viele ehrfürchtige Gesten, so offenen Augen, freundliche Gesichter und so viele Tränen gesehen". "Viele von den Pilgern sind anders nach Hause zurückgekehrt, als sie aufgebrochen sind", sagt Monsignore Bätzing, "innerlich bewegt und mit der Anregung, sich der Frage zu widmen, was ihnen Jesus Christus und seine Botschaft bedeuten."
Nicht allein für den Wallfahrtsleiter war die Heilig-Rock-Wallfahrt deshalb "ein großes Geschenk, für das ich mein Leben lang dankbar bleibe".
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