Und führe zusammen, was getrennt ist

Grußwort von Heinz Josef Algermissen

„Führe zusammen, was getrennt ist“

Heinz Josef Algermissen, Bischof von Fulda
Heinz Josef Algermissen, Bischof von Fulda

Da geht ein junger Franzose seinen Pilgerweg, vom Mittelmeer 1300 Kilometer quer durch Frankreich bis zum Mont Saint-Michel, allein, ohne einen Cent in der Tasche. Am Ende seines geistlichen Abenteuers, an dem er uns durch sein Tagebuch „Auf den Wegen Gottes – Mittellos durch Frankreich“ (Augsburg 2011) teilhaben lässt, fasst Falk van Gaver zusammen und mahnt: „Betet für die Einheit der Kirche, damit in ihr und in jedem von uns das Band der Liebe wächst! Damit wir ihr nahtloses Gewand nicht noch mehr zerreißen.“
Schon als ich im Jahr 1959 mit meinen Eltern nach Trier zum Heiligen Rock pilgerte, hat es auf mich einen tiefen Eindruck gemacht, dass in der Passionsgeschichte die römischen Soldaten es nicht gewagt haben, das Untergewand, „das von oben her ganz durchwebt und ohne Naht war“ (Joh 19, 23), zu zerschneiden: „Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll“ (Joh 19, 24). In der christlichen Geschichte konnte deshalb der Leibrock Jesu wirklich als Symbol für die Einheit der Kirche als Leib Christi dienen.
Wer von Ihnen, liebe Pilgerinnen und Pilger, schon einmal in Rom war, erinnert sich: Da stehen in riesigen Lettern in der Kuppel über dem Grab des heiligen Petrus die Worte: „Du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen …“ (Mt 16, 18). In beeindruckender Weise stellen diese Worte die große Aufgabe des Petrus-Amtes vor Augen. Sie gipfelt im Dienst an der Einheit der Kirche.
Einheit der Kirche meint nicht monotone Einförmigkeit. Die Kirche braucht keine einheitlichen Menschen, sondern Menschen für die Einheit. Der Geist Gottes wirkt auf mannigfaltige Weise in den Gliedern der Kirche. Er offenbart in der Vielheit der Gnadengaben und Dienste die Fülle und den Reichtum christlichen Lebens. Sinnvolle innerkirchliche Vielfalt orientiert sich entsprechend am Gemeinwohl der Kirche (vgl. 1 Kor 12, 7) und vollendet sich im gegenseitigen Dienen in Liebe (vgl. Gal 5, 13). Sie findet aber ihre Grenzen dort, wo die Einheit der Lehre, der Sakramente und der Leitung gefährdet wird.
Den Dienst der Einheit erleben wir vorrangig im Wirken des Papstes und der Bischöfe – und dann auch im Wirken des Priesters in seiner Gemeinde, die ihm vom Bischof ausdrücklich anvertraut ist. Sie mühen sich im sakramentalen Dienst, die Vielheit der Begabungen und Fähigkeiten der Gläubigen zu einer Einheit zusammenzubinden. Dabei haben sie es mit unterschiedlichen Menschen zu tun, mit einfachen und komplizierten, schwerfälligen und quicklebendigen, mit Kindern und Alten, mit Gesunden und Kranken, auch mit all den verschiedenen Kirchenbildern und Vorverständnissen, die die Einheit der Kirche heute gefährden: tatsächlich ein vielseitiger Dienst, der echte Freude schenkt, aber auch manche Belastung mit sich bringt.
Damit unser Pilgerweg nach Trier zu einer wirklichen Christuswallfahrt wird, müssen wir uns dem Gekreuzigten und Auferstandenen anvertrauen und mit allen Kräften um den Geist der Einheit beten: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaubt …“ (Joh 17, 21).

+ Heinz Josef Algermissen
Bischof von Fulda